Das Auschwitz nie wieder sei

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Am 17 Juli machte ich mich mit sieben anderen Jungsozialist_innen aus Thüringen auf den Weg in das 800 km entfernte Oşwięcim. Dieser Ort ist in der Welt besser bekannt unter dem Namen Auschwitz. Hier wo das größte Verbrechen der Menschheit geschah.

Als wir in der Stadt ankamen sahen wir eine lebendige Stadt mit rund 50.000 Einwohnern. Der Weg in das Lager 1 war schnell gefunden, da auch viele andere Menschen dorthin unterwegs waren. Auf den Weg zu der Gedenkstätte gingen mir bereits viele zuvor gesehene Berichte und Bilder, sowie die der Besuch im KZ Dachau, Buchenwald, Mittelbau Dora durch den Kopf. Der Gang durch das Tor mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“ löste bei mir einen kalten Schauer aus. Dieses  Gefühl von Entsetzen nahm von Minute zu Minute zu. Vieles hat man bereits in Dokumentationen und Bildern gesehen. Doch ist es etwas anderes  davor zu stehen und es mit eigenen Augen zu sehen.

In den steinernen Häftlingsblöcke sind heute zumeist Ausstellungshallen eingerichtet. Den Moment als wir diese Räume betreten werde ich in meinem Leben nie wieder vergessen. Wir sahen eine nicht abschätzbare Menge an Brillen, eingesammelt von den Häftlingen, ein Berg von Koffern von Ermordeten.  Ein weiterer Raum voller Schuhe.  Und dann,  ein Halle mit menschlichen Haaren. In diesem Moment kochten in mir alle Emotionen hoch. Viele Fragen schossen mir durch den Kopf. Was für Situationen sie durchmachten. Wie ihnen zumute war, als ihnen die Haare vom Kopf geschoren wurden. Es schnürt mir die Kehle zu.

Obwohl sich die Deutschen vor dem Rückzug aus dem Lager bemühten, die Warenlager zu vernichten, fand die Rote Armee nach der Befreiung Massen an Waren. Als wir den nächsten Raum betraten sahen wir in die Gesichter der früheren Häftlinge. Dieser Anblick quälte mich.

Als nächstes betraten wir den Block 11 (den Todesblock).Von außen ist er wie alle anderen Häftlingsblöcke im Lager. Der Block war immer verschlossen, niemand konnte hinein sehen. Alle Häftlinge wussten nur, dass sie dort nicht leben heraus kommen. Was dort geschehen wird wusste keiner. Im Innenhof sah man die „Todeswand“, an dieser wurden 20.000 Menschen ermordet. Wir betreten das Gebäude. dann stehe ich plötzlich in den Dunkel- oder Stehkammern, in denen gut 70 Jahre zuvor hunderte von Menschen zu Tode gefoltert wurden. Die schrecklichen Taten werden greifbar. Eigentlich benötige ich Zeit um zu verweilen um wirklich zu begreifen was hier geschah. Leider ist dies nicht möglich weil direkt hinter uns eine weitere Gruppe die Gedenkstätte besichtigt.

Bei dem Besuch ist es wichtig Bereitschaft mitzubringen, sich auf die Dinge einzulassen, sie auf sich einwirken zu lassen, die eigene Vorstellungskraft zu bemühen. Ob man es wirklich schaffen kann, die zahlreichen massiven Eindrücke an sich abperlen zu lassen, indem man den Ort wie ein beliebiges Museum „anschaut“? Bei einer Genossin bemerke ich jedoch zunehmend eine gewisse Unruhe und Ungeduld. Selber von meinen Eindrücken überrollt, trifft es mich geradezu in Mark und Bein als Sie in Tränen ausbrach.

Als letztes betraten wir die „Gaskammern“ im Hauptlager. Ich hatte sehr zu kämpfen meine Gefühle unter Kontrolle zu behalten. Der Gedanke wie viele Menschenleben hier beendet wurde macht mich unbeschreiblich traurig und fassungslos.

Etwa 3 Kilometer vor den Toren von Oşwięcim befindet sich die Ortschaft Brzezinka, weltweit besser bekannt unter der deutschen Bezeichnung Birkenau. Dort befand sich das Lager 2. In diesem „Vernichtungslager“ ermordeten Deutsche geschätzte 1,5 Mio. Menschen systematisch. Schon abends kann ich mich an den Weg ins Lager 2 nicht mehr erinnern, da ich so in meinen Gedanken vertieft war. Plötzlich tauchte vor uns das Haupttor des Lagers Birkenau auf. Dieser Anblick wirkte wie ein Schock auf mich. Wir betreten das Lager durch dieses Tor. Es stockt mir der Atem: das Gelände ist ungeahnt riesig, welche unzählige Mal größer ist als das Hauptlager. Zu sehen sind nur noch wenige Baracken. Von dem Rest sind nur noch die Umrisse sichtbar. Alles was man in Filmen und Berichten gesehen hat ist nun hier in greifbarer Realität. Wir gingen den langen Weg an den Schienen zur Rampe wo die Häftlinge selektiert wurden. Es ist ein unbeschreiblich schreckliches Gefühl dort zu stehen wo die Deutschen über Leben und Tod entschieden. Am Ende der Schienen war das „Internationalen Denkmal für die Naziopfer“ zu sehen.  Als nächstes betraten wir original erhaltenen und restaurierten Baracken, ich werde empfangen mit dem Satz „Eine Laus - Dein Tod!“. Wie perfide! Ich versuche mir vorzustellen wie hier hunderte von Menschen leben mussten. Die Führung war an diesem Ort beendet.

Ich entschied mich zusammen mit einer Genossin zu zweit das restliche Areal zu besuchen. Wir kamen, an den Resten der Krematorien vorbei,  an Baracken, Stacheldraht und Grünflächen.  Am See in dem sich die Asche vieler tausender Menschen befand, fanden wir endlich Zeit um nachzudenken und die Gefühle zuzulassen. Es war alles einfach unfassbar. Eine Mischung von Scham, Trauer, Fassungslosigkeit über die Grausamkeit rührten mich zu Tränen. Es wir mir wie nie zuvor  bewusst was Deutsche Schuld aber auch Deutsche Verantwortung wirklich bedeutet. Unsere Generation ist  zwar nicht schuldig an diesen Taten,  dennoch ich empfinde Scham bezüglich meiner Herkunft.

 Der Tag meines Besuches geht  langsam zur Neige. Wir zündeten Kerzen zum Gedenken der vielen Opfer vor dem Mahnmal an und kreuzen noch einmal die Bahnschienen, gehen den Weg welchen soviele Menschen voller Angst gegangen sind.

Ein Unwetter zieht auf wir beschließen uns auf den Rückweg zu machen.

Ich werde mich immer an die Abschlussworte der Führung erinnern:„Es gibt keine Garantie, dass es Auschwitz nicht noch einmal gibt. Aber wir müssen jeden Tag darum kämpfen dass so etwas nie wieder geschieht!“  Wir alle stehen in der Verantwortung diese Untaten niemals zu vergessen und diesen Ort zu erhalten. Es soll ja wirklich Menschen geben die dies nicht wollen oder gar leugnen dass dies geschehen ist. Mir ist das peinlich und erfüllt mich voller Wut. Es ist für mich unvorstellbar wie bei dieser grausamen Massenvernichtung so viele Menschen zusehen oder sogar mitmachen konnten. Nicht wenigen Nazis hat es sogar Genugtuung bereitet oder ein Gefühl von Überlegenheit und Macht gegeben, Menschen auf brutalste Art zu erniedrigen, zu foltern und zu töten. Andere haben einfach mitgemacht, teils aus Gleichgültigkeit, teils aus Angst. Deshalb ist es umso wichtiger nie zu vergessen und sich aktiv gegen Rassismus und Faschismus zu stellen.

Abschließen möchte ich meinen Bericht mit Worten von Adorno: "Das Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die aller erste Erziehung"

 

Eindrücke von Philipp Müller